Jede Bucht eine Wucht!

Im Sommer ist der berühmt-berüchtigt schöne Norden Sardiniens voller Superlative: supervoll, superheiß, superteuer. Daher sollte man im Herbst oder Frühling kommen, um die Region Gallura, die tatsächlich so superschön ist wie ihr Ruf, zu entdecken.   

Kristallklares Wasser, Strände mit weißem Sand, schroffe Felslandschaften und eine köstlich mediterrane Küche – der Norden Sardiniens ist ein Ziel für Genießer. Nicht umsonst haben Stars und Sternchen wie Tom Cruise, Rhianna und Rod Stewart diesen Flecken als Urlaubsdestination für sich entdeckt. Auch Manuel Neuer oder Mario Gomez lassen an der  „Costa Smeralda“, also der Smaragdküste, nicht nur ihre müden Fußballerbeine, sondern auch ihre Seele baumeln. Muss man da überhaupt noch erwähnen, dass im mondänen Porto Cervo, dem Hauptort der Costa Smeralda, ein Cappuccino gern mal neun Euro kostet?

Blick auf die Hafenstadt Palau. Foto Christiane Neubauer
Blick auf die Hafenstadt Palau.

Dabei kann man nur wenige Kilometer entfernt vom Mekka der Schönen und Reichen genauso gut Urlaub machen – vor allem weitaus günstiger. In der Vor- und  Nachsaison locken selbst einige Fünf-Sterne-Ressorts in der Gallura, von der die Costa Smeralda nur ein kleiner Teil ist, mit erschwinglichen Preisen auch für kleinere Geldbeutel. Im Frühling blüht die Macchia zwischen den imposanten Granitlandschaften und verströmt einen betörenderen Duft als sämtliche Parfümfabriken der Provence. Im Herbst ist das türkisfarbene Meer immer noch warm genug für Wasserratten. Die  Strände aber sind leer.

Nur wenige Autominuten östlich der Hafenstadt Palau ragt das Capo d’Orso (deutsch: Kap des Bären) hinein ins tiefblaue Mittelmeer. Den Namen verdankt die Landzunge einem Granitfelsen, den Wind und Wetter in Jahrtausenden so geformt haben, dass er aussieht wie ein Bär – das Wahrzeichen der Gallura. Auf vier Beinen stehend und mit vorgerecktem Kopf bewacht er die Küste. So sieht es zumindest aus der Ferne aus, wenn man sich dem Kap nähert. Fotos sollte man jetzt machen, denn aus der Nähe lässt sich der Bär aus Stein nicht so gut ablichten. Der rund 15-minütige Aufstieg auf den Hügel auf dem er thront, lohnt dennoch. Die Aussicht hinüber zu den Inseln des Maddalena-Archipels und die am Horizont liegende Nachbarinsel Korsika ist großartig.

Aus über 60 Inseln besteht der Maddalena-Archipel. Nirgendwo in Europa sei das Wasser klarer, heißt es. Tatsächlich ist jede Bucht eine Wucht! Besonders viel Spaß macht es daher, diese Inselwelt mit dem Boot zu erkunden. Einige Ressorts (z.B. die familiengeführte Hotelgruppe Delphina) bieten Gästen Erkundungen auf Schiffen der hoteleigenen Flotte an. Geführte Bootsausflüge gibt es aber auch von Palau aus. Wer will, kann sich hier auch ein eigenes Bötchen mieten. Die Strände der sichelförmigen Buchten im Maddalena-Archipel sind so weiß und das Meer schillert in so vielen Schattierungen von Türkis, dass man unweigerlich an die Karibik denken muss. Wer einen Blick auf den eigentümlichsten Strand des Archipels werfen will – die Spiaggia Rosa auf der Insel Budelli schimmert Flamingorosa – braucht in jedem Fall ein Boot. Weil uneinsichtige Touristen den Sand als Souvenir mitgehen ließen, darf der Strand  schon lange nicht mehr betreten werden. Ein Wächter mit Fernglas und Trillerpfeife sorgt seit 20 Jahren dafür, dass niemand wagt, an Land zu gehen. Für das Naturschauspiel sind übrigens die zermahlenen Reste roter Korallen verantwortlich, die in den Neptungraswiesen vor Budelli heimisch sind. Der einzige größere Ort der Inselgruppe, das hübsche La Maddalena, verführt zum Bleiben. Das Gelato der Eisdiele Naxos auf der Piazza Vittorio Emanuele ist köstlich.

Zu einem Urlaub im Norden Sardiniens gehört unbedingt auch ein Ausflug ins bergige Hinterland der Gallura. Aus Angst vor Piraten und anderen Invasoren haben die Sarden ihre Küsten lange gemieden. Bedeutende Siedlungen entstanden vor allem im Landesinneren. Hier schlägt das Herz der Gallura. Selbst während der Saison trifft man in den stillen und schattigen Gassen der pittoresken Bergdörfer nur wenige Touristen. Der Besuch von Aggius lohnt sich besonders – und das nicht nur wegen der hübschen Altstadt mit den schmucken Häusern und der traumhaften Aussicht. Es gibt dort auch ein Ethnografisches Museum, das anhand unzähliger Exponate einen guten Einblick gewährt in die sardische Volkskultur. Besonders schön anzusehen sind Teppiche und Textilien aus einer Zeit, in der die Webkunst, neben den Granitsteinbrüchen, noch eine der Haupteinnahmequellen der Menschen im Hinterland war.

In Aggius liegt auch das kleine, aber feine Museo del Banditismo, also das Banditenmuseum, denn bis Mitte des 19. Jahrhunderts war das Bergdorf Rückzugsort für Räuber und andere Gesetzesbrecher in der Gallura. Der berühmteste Bandit war „Il Muto di Gallura“ (der Stumme von Gallura). Bis heute erzählt man sich im Dorf Geschichten über den gefürchtetsten Räuber von allen, der aus Liebeskummer böse wurde. Der Stumme, so will es die Legende, habe sich als junger Mann in ein  Mädchen verliebt, das er nicht heiraten durfte, weil er einem Clan angehörte, der mit dem Clan des Mädchens in Fehde lag.

Von Aggius aus lohnt sich ein Umweg in die komplett aus Granit erbaute Stadt Tempio Pausanias. Sie liegt herrlich zwischen Kork-, Flaum- und Steineichenwäldern auf einer Felsterrasse. Tief eingeschnittene Flusstäler, Höhlen und Grotten laden hier oben zu Wanderungen ein.

Ein Muss für Naturliebhaber ist ein Abstecher auf die Felsenhalbinsel Capo Testa. Sie liegt nur einige Kilometer westlich von Santa Teresa di Gallura und ist über einen Damm zu erreichen. Rund um den Leuchtturm, der bis heute von großer Bedeutung für die Schifffahrt im Norden Sardiniens ist, breitet sich ein Labyrinth aus unzähligen bizarr geformten Felsen aus, betörend schön und wild zugleich. Die Gezeiten und der Wind haben hier eine eigentümliche Landschaft aus Steinbrocken und Tümpeln geschaffen, in der man sich verlieren und nicht mehr gefunden werden möchte – so faszinierend ist es. Hungrig und durstig vom Klettern und Staunen geht es über den Damm zurück nach Santa Teresa di Gallura, dem nördlichsten Ort Sardiniens. Früher als Longosanto bekannt, galt es zu Zeiten der Römer als strategisch wichtiger Hafen. Das kleine historische Zentrum lädt zu einem Einkaufsbummel ein. In den Gassen haben sich  Kunsthandwerker Ladengeschäfte eingerichtet. Auch Bars und Restaurants gibt es für jeden Geschmack und Geldbeutel.

Nach einem Aperol Spritz und leckeren Antipasti auf der Piazza Vittorio Emanuele, wo auch viele Einheimische den Feierabend genießen, kommt nun noch der Höhepunkt: der Sonnenuntergang am Torre di Longosardo. Der wuchtige runde Wachturm liegt etwas außerhalb von Santa Teresa. Von der Plattform aus hat man einen wunderbaren Rundumblick: Im Süden Santa Teresa, im Osten die Bucht von Porto Longone, im Westen das Capo Testa. Im Norden färbt das Licht der untergehenden Sonne die Kalksteinfelsen auf dem das korsische Bonifacio erbaut wurde, Flamingorosa – dieselbe Farbe wie der Sand auf der „verbotenen“ Insel Buticelli. Und das mit Sicherheit viel beeindruckender als jeder Promi, der einem an der Costa Smeralda möglicherweise über den Weg gelaufen wäre.

Karten-Info: Kartenausschnitt vom Nordosten Sardiniens mit Olbia (Flughafen), dem La-Maddalena-Archipel mit La Maddalena, Porto Cervo, Palau, Aggius, Santa Teresa di Gallura. Außerdem die Landzungen Capo Testa und Capo D’Orso.

PRAKTISCHE REISE-INFORMATIONEN

Anreise

Direktflüge nach Olbia gibt es von den meisten deutschen Flughäfen aus u.a. mit Tuifly (www.tuifly.com) und Eurowings (www.eurowings.com).

Übernachten

Weitläufige Anlage mit grandioser Aussicht, viel sardischem Charme und herzlichen Mitarbeitern:  Resort Valle Dell’Erica, Porto Pozzo, 07028 Santa Teresa. In der Nachsaison lockt das Fünf-Sterne-Haus mit erschwinglichen Preisen, DZ mit HP ab 160 Euro, ab Mai bis Oktober geöffnet, www.delphinahotels.de

Selbstversorger werden sich in den exklusiven Appartements der Anlage Residence Il Mirto, Via Cala Capra, 07020 Capo D’Orso, wohlfühlen. Sie wurden kürzlich renoviert und sind in Form eines Form eines Amphitheaters um einen Meerwasserpool herum angeordnet, Zwei-Zimmer-Apartments ab 416 Euro pro Woche, ab Mai bis September geöffnet, www.residenceilmirto.com/sardinien.

Geführte Reise
Der Reiseveranstalter Erde und Wind bietet Wanderreisen nach Sardinien an, die u. a. in die Gallura führen (11 Tage im DZ ab ca. 1400 Euro, ohne Flug). Weitere Informationen und Buchung: Tel. 09 403/96 92 54, www.erdeundwind.de

Allgemeine Informationen
Italienische Zentrale für Tourismus, Tel. 069/23 74 34, www.enit.de.

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